„Wir sind keine Maschinen“: Warum weibliche Führung die Arbeitswelt revolutioniert

„Wir sind keine Maschinen“: Warum weibliche Führung die Arbeitswelt revolutioniert

Veröffentlicht: 23. Juni 2026

 Wir haben mit Jill, Psychologin und Führungskraft bei Let's Flow über Frauen in der Arbeits- und vor allem in der Führungswelt gesprochen. Denn der Weg an die Spitze ist für Frauen selten geradlinig. Oft ist er geprägt von inneren Zweifeln, gesellschaftlichen Rollenbildern und einem System, das immer noch nach alten Regeln spielt.

Damals wollten die Gründer ihren eigenen Traumjob schaffen: Psychologie und Skifahren. Das sind auch Jills Leidenschaften und daher war sie sofort Feuer und Flamme.

Daraus entstand Let's Flow, ein Unternehmen, das Workshops im Bereich Stressmanagement und positive Psychologie gibt und darüber hinaus sportliche Aktivitäten anbietet. 

Mit dem schnellen Wachstum von Let’s Flow kam für Jill ganz automatisch die neue Rolle: die der Führungskraft. Eine Rolle, in der sie täglich erlebt, was es bedeutet, als Frau Verantwortung zu übernehmen und wo die Hebel für eine gerechtere Arbeitswelt liegen.

Jill ist von Anfang an bei Let's Flow dabei

Die unsichtbaren Hürden im Kopf

Wenn sie als Psychologin auf Frauen in Führungspositionen blickt, stößt sie immer wieder auf die gleichen, tief sitzenden Muster. Das bekannteste ist das sogenannte Imposter-Syndrom, das Gefühl, eigentlich gar nicht kompetent genug für den Job zu sein.

„Ich habe einfach bei Frauen das Gefühl, die trauen sich erst dann so richtig sichtbar zu werden, nach außen zu gehen, wenn sie sich irgendwie 200% sicher sind, dass sie das jetzt können und dass es passt. Und bei Männern reichen eigentlich schon so diese 60%.“

Dieses Streben nach absoluter Perfektion hält viele Frauen davon ab, den nächsten Schritt zu gehen. Dahinter stehen oft tief verankerte Glaubenssätze und die Frage: Wann bin ich überhaupt bereit? Doch der Zweifel speist sich nicht nur aus dem Inneren, sondern wird auch von außen gefüttert. Es fehlt schlicht an Vorbildern.

„Ich habe bei Frauen einfach das Gefühl, dass es viel weniger Role Models gibt, an denen man sich orientieren kann.“

Gleiches Verhalten, andere Reaktion

Wie tief Rollenklischees in unserer Gesellschaft verankert sind, zeigt sich besonders deutlich in der Art und Weise, wie das Verhalten von Führungskräften bewertet wird. Dieselbe Handlung wird je nach Geschlecht völlig unterschiedlich interpretiert.

„Wenn Männer durchsetzungsfähig sind, wird es so als Führungsstärke interpretiert. Und bei Frauen ist es dann häufig: Sie ist vielleicht ein bisschen zickig oder schwierig. Das Framing ist einfach ein anderes.“

Diese Erfahrung macht Jill auch selbst im Business-Alltag, besonders wenn sie den geschützten Raum des eigenen Teams verlässt und auf externe Partner oder Investoren trifft.

„Ich habe das Gefühl, dass oft das Wort von einer männlichen Führungsposition anders gewichtet wird. Wer wird zuerst angesprochen? Wer bekommt wie viel Raum in einem Gespräch? Das sehe ich schon ganz deutlich.“

Jill beobachtet, dass dieselbe Handlung je nach Geschlecht völlig unterschiedlich interpretiert wird

Was Unternehmen jetzt tun müssen: Sponsoring statt „Fixing“

Am Wissen scheitert es längst nicht mehr. Unzählige Studien belegen, dass gemischte Führungsteams Unternehmen erfolgreicher machen. Doch der ansatz, wie Frauen gefördert werden, greift oft zu kurz.

„Oft ist es so: Wir müssen die Frauen stärken, wir müssen da irgendwie ein Mentoring geben. Das finde ich, ist wieder so ein bisschen so: Die Männer können das von sich aus, aber die Frauen vielleicht nicht. Die brauchen wieder Unterstützung.“

Der Schlüssel liegt für Jill nicht darin, Frauen verändern oder „reparieren“ zu wollen, damit sie in ein traditionelles, männlich geprägtes System passen. Es braucht ein Umdenken bei den Entscheidern – weg von reinem Mentoring, hin zu echtem Sponsoring.

„Weniger dieses Mentoring, mehr so der Begriff des Sponsorings: also sich für eine Person einzusetzen, zu sagen: Hey, die kann das, die macht das, und wirklich effektiv darauf hinzuleiten.“

Gleichzeitig müssen Unternehmen radikal hinterfragen, wer überhaupt auf den Chefstühlen landet. Oft ist es die reine Betriebszugehörigkeit oder eine fachliche Expertise, nicht aber die tatsächliche soziale Führungskompetenz. Und genau hier liegt die große Stärke vieler Frauen.

„Da wieder mehr den Fokus draufzulegen, weil ich nämlich bei ganz vielen Frauen einfach sehr hohe Qualitäten im Bereich der Führung sehe.“

Der weibliche Zyklus ist ein blinder Fleck der Arbeitswelt

Ein Thema, das untrennbar mit weiblicher Lebensrealität verbunden ist, in der Arbeitswelt aber nach wie vor tabuisiert wird, ist der weibliche Zyklus. Frauen funktionieren biologisch anders als Männer – und das hat direkte Auswirkungen auf den Arbeitsalltag.

„Bei Frauen schwanken über den Zyklus einfach gewisse Dinge, sowas wie Energie, Konzentrationsfähigkeit, soziale Kapazitäten, Risikobereitschaft.“

Aus eigener schmerzhafter Erfahrung mit PMS und Erschöpfung begann Jill, sich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ihr Fazit: Gegen den eigenen Körper anzukämpfen, kostet enorm viel Kraft und führt zu massiven Leistungseinbußen in Unternehmen. Zyklusgerechtes Arbeiten bedeutet, diesen natürlichen Rhythmus als Ressource zu begreifen, anstatt ihn zu verstecken.

„Wenn man das ein bisschen annehmen kann, sich da ein bisschen mit auseinandersetzt, vielleicht auch sich danach richtet, wird das Ganze mehr zu einem Fluss als zu einem Kampf gegen sich selbst.“

Für Unternehmen ist das eine handfeste wirtschaftliche Chance. Studien zeigen, dass allein das Wissen über den eigenen Zyklus und ein entsprechendes Symptommanagement die Produktivitätseinbußen um bis zu 18 Prozent und die Fehltage um 16 Prozent senken kann.

„Es geht mir gar nicht auf so eine negative Art und Weise darum, immer mehr leisten zu können. Sondern eher im Sinne von: Ich glaube, die meisten von uns wollen ja gerne leisten – ein gesundes Leisten, ein energetisches Leisten und nicht ein Burnout-Leisten.“

Frauen sind zyklische Wesen. Energie und Kapazität schwanken je nach Zyklusphase.


Wie sich unsere Gesellschaft wandeln muss

Damit echte Chancengleichheit entsteht, reicht es nicht, an ein paar Stellschrauben in Unternehmen zu drehen. Es braucht einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel, der bereits in der Schule beginnt.

„Eigentlich müsste schon in der Schule über den weiblichen Zyklus gesprochen werden. Dass es einen weiblichen Zyklus gibt, der nicht nur aus dem Part besteht: Okay, ich habe irgendwie einmal im Monat meine Periode. Darüber hinaus wird einem halt nichts beigebracht.“

Es braucht eine Enttabuisierung des weiblichen Körpers im professionellen Kontext und vor allem ein völlig neues Bild von Produktivität. Die Vorstellung, dass eine gute Führungskraft rund um die Uhr erreichbar, emotional unnahbar und permanent auf Anschlag sein muss, ist veraltet.

„Diese Analogie: Wir sind halt einfach keine Maschinen. Und wir brauchen diese gute Balance aus hochwertigen Pausen. Es ist kein realistisches Bild, immer auf 120 oder 150 Prozent zu laufen.“

Führung neu denken

Wenn Frauen in Führung gehen, verändern sie das System von innen heraus. Sie bringen Führungsstile ein, die auf Empathie, Partizipation und Nahbarkeit setzen – Qualitäten, nach denen sich Arbeitnehmende heute mehr denn je sehnen. Das erlebt Jill bei Let's Flow jeden Tag.

„Führung darf auch ganz individuell sein und sich nach einem selbst anfühlen. Die Art zu sein – einfach empathisch zu führen, auch Fürsorge ausdrücken zu dürfen, auch Zweifel ausdrücken zu dürfen und authentisch zu sein – bringt ganz viel mit.“

Der Wandel hin zu einer gleichberechtigten Führungsebene ist ein Gewinn für die gesamte Gesellschaft. Er bricht alte Dominanzstrukturen auf und macht den Weg frei für eine Arbeitswelt, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt.

„Das ist ein Wandel in der Führung, der ganz viel Potenzial hat. Weil Leute wollen mittlerweile gesehen werden. Der Job ist nicht nur noch ein Job.“

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Wer schreibt hier?

Marlene
Marlene

Ich bin Marlene und leite die Redaktions- und Pressearbeit bei MBU. Persönlichkeitsentwicklung ist meine Leidenschaft – ich liebe es, meine Komfortzone zu verlassen und zu wachsen. Ich bin digitale Nomadin und arbeite derzeit von einer kleinen Insel in Thailand. Von hier aus will möglichst viele Menschen für Bildungsurlaub begeistern!